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Theater AG Oberstufe


Mit Beginn des Schuljahres 2002 formierte sich auf Anregung einer Schülerin des 12. Jahrgangs eine Theater AG für die Klassen 11 bis 13. Nachdem sich anfangs lediglich fünf Schüler/innen für die Arbeitsgemeinschaft begeistern konnten, stieg die Mitgliederzahl nach ein paar Wochen von Treffen zu Treffen an. Besonders die Auswahl des Stückes „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt, bei dem es um die Verantwortung der Wissenschaft geht, löste bei den inzwischen über 10 Mitgliedern großes Interesse für das Theaterspielen und die Möglichkeit, eigene Inszenierungs- und Interpretationsideen in das Stück miteinzubringen, aus.

Ende des Schuljahres, am 11. und 12. Juni 2003, wurde → „Die Physiker“ dann schließlich mit großem Erfolg auf die Bühne gebracht, so dass auf vielfachen Wunsch hin das Stück erneut am 18. September 2003 aufgeführt wurde.

Ab Oktober will die AG-Leiterin Frau Fluhr-Leithoff mit ihrer Schülergruppe, in der neue Mitglieder übrigens immer herzlich willkommen sind, das Stück „Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in Angriff nehmen, das hoffentlich wieder genauso viel Enthusiasmus, Spaß und Engagement weit über die Schule hinaus bei den Schülern hervorruft.

Juliane Kerll    13. Jg., 12/2003

→ Pressemeldung vom 6.6.03
→ Pressemeldung vom 13.6.03


Die Physiker (Friedrich Dürrenmatt) Juni 2003

Mir kommt zunächst die Aufgabe der Einstimmung in die Szenerie zu.

Stellen Sie sich also außerhalb dieses Salons eine Landschaft vor: einen See mit beträchtlichem Ausmaß und auf den ersten Blick klarem Wasser, freundliche Hügelketten, aus der Ferne blau schimmernd, human bewaldet, dazwischen Täler mit ausgedehnten Ebenen, einst morastig-sumpfig, jetzt lieblich durchzogen von Kanälen – kurzum eine Landschaft, die die Nerven ungemein beruhigt.

Aber im Grunde genommen ist das nicht wichtig, denn wir verlassen ja diesen Salon nicht. Er ist Teil einer etwas maroden Villa, was ihrem Ruf als Privatsanatorium „Les Cérisiers“ aber nicht schadet.

Die hier untergebrachten Patienten sind ausnahmslos vertrottelte Aristokraten, debile Millionäre, Alzheimer gefährdete Politiker – falls sie nicht noch regieren –, schizophrene Schriftsteller, depressive Großindustrielle, ausrangierte Größen des Showgeschäftes u.a., mit anderen Worten die ganze geistig verwirrte Elite des halben Abendlandes. Denn das Fräulein Doktor Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd, die Gründerin und Leiterin des Unternehmens, ist berühmt: Eine Kapazität ihres Faches, letzter Spross einer mächtigen Familie.

In diesem Salon werden Sie auf drei Insassen stoßen, drei Physiker, harmlose, liebenswerte Irre, die manchmal ein wenig fachsimpeln. Eigentlich wären es wahre Musterpatienten, fiele nicht unser Blick auf die hier liegende bedauernswerte leblose Gestalt einer Krankenschwester. Sie wurde erst vor kurzem von einem der Physiker erdrosselt.

Aber Sie sehen, die freundliche hilfsbereite Polizei ist bereits zur Stelle. Kriminalbeamte, angenehm zivil kostümiert, bemühen sich um die Leiche. Hier steht auch schon unverkennbar in Hut und Mantel Kriminalinspektor Richard Voss, links von ihm Oberschwester Marta Boll, die so resolut aussieht, wie sie heißt und wie sie auch gleich ist.

„Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.“ (Friedrich Dürrenmatt)

Friedrich Dürrenmatt schrieb sein Stück „Die Physiker“ 1961, also mitten in der Zeit des Kalten Krieges. Es thematisiert die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers und seiner Forschung, die in den Dienst der Politik, eines Systems bzw. der Militärstrategie gestellt wird. Die beiden Physiker, die sich Beutler und Ernesti nennen, stehen hierfür exemplarisch.

Vor allem unter dem Eindruck des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 durch die USA wurde das Wort von der „verlorenen Unschuld der Naturwissenschaftler“ geprägt, weil das Ergebnis dieser Forschung das – völlig groteske – mehrfache Auslöschen der Menschheit zur Folge haben konnte.

Der Physiker Möbius erkennt dies ganz klar, wenn er im Stück sagt: Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches.“ Dennoch forscht er weiter in der scheinbaren Sicherheit und Begrenztheit des Irrenhauses, obwohl er weiß, wie gefährlich seine Erkenntnisse einer grenzenlosen Naturwissenschaft und Technik sind. Er glaubt also weiterhin seinen Lustgewinn am Forschen haben zu können, ohne sich dafür der Verantwortung stellen zu müssen. Denn er sagt: „Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen.“ Der Widerspruch aber wird deutlich, wenn er unmittelbar danach formuliert: „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken.“ Sein Eskapismus wird zum Selbstbetrug. Damit scheitert er, denn längst wurden seine Ergebnisse von der skrupellosen Irrenärztin, Fräulein Dr. von Zahnd, ausgebeutet, und zwar ökonomisch und machtpolitisch.

Deshalb konstatiert Dürrenmatt in den 21 Punkten zu den Physikern: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen. Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“

Der Philosoph Hans Jonas votiert in seinem Werk „Prinzip Verantwortung“ deshalb dafür, „Verantwortung“ zum Maßstab menschlichen Handelns zu erheben und begründete 1987 dies als ethisches Prinzip so: „Dass [die Verantwortung] sich Grenzen setzt, ist die erste Pflicht aller Freiheit, ja die Bedingung ihres Bestands, denn nur so ist Gesellschaft möglich (...)“. Daraus ergibt sich für Jonas, wie er sagt, „... nicht mehr die überschwängliche Hoffnung auf ein irdisches Paradies, aber die bescheidenere auf eine Weiterwohnlichkeit der Welt und ein menschenwürdiges Fortleben unserer Gattung“.

Anfang des neuen Jahrtausends erweist sich nun die Dürrenmatt’sche Sichtweise auf Welt von nachhaltig aktueller Brisanz. So lautet auch Punkt 3 im Anhang zu den Physikern: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Was bedeutet das heute? Zwei Gedanken hierzu sollen angerissen werden.

Im Zuge der Genforschung (man denke an das Klonschaf Dolly) ist eine Ökonomisierung und damit verbunden eine Untergrabung der Wissenschaftsethik zu konstatieren, wo nationale oder internationale Ethikkonventionen angesichts der zunehmenden Globalisierung kaum noch Grenzen zu setzen vermag.

Noch deutlicher erscheinen die Parallelen zum vorliegenden Stück angesichts der US-amerikanischen Pläne zur Entwicklung einer Mini-Atombombe, auch Mini-Nuke genannt. Verteidigungsminister Rumsfeld beteuert denn auch, lediglich an diesen Waffen forschen zu wollen, und als habe es ihm Dürrenmatt in die Feder diktiert, fährt er fort: „Vieles, woran man forscht, verfolgt man nicht weiter.“ Womit wir wieder beim Prinzip Verantwortung von Hans Jonas wären.

B. Fluhr-Leithoff    6/2003