Studienfahrten
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Rom und Sorrent 2003

oder die Geschichte von Rotkäppchen und dem Wolf und ihren 22 treuen Geißlein



Pompei: Odeion (Theater)

Ursprünglich hatten wir ganz andere Pläne: Prag oder Budapest, die Provence, Krakau... Oder warum nicht auf Wandertour im deutschen Mittelgebirge? Schließlich gibt es viele lohnende Ziele für Studienfahrten. Rahmenbedingungen, die bei Planung und Durchführung zu beachten waren, Interessenlage der Beteiligten und nicht zuletzt der Anspruch, sich mit Eifer dem „studium“ des ausgewählten Zieles zu widmen, führten zur Entscheidung:

Rom und Griechenland, letzteres repräsentiert durch den Golf von Nea-Polis, beide als prägende Kräfte der Antike fortwirkend bis in unsere Zeit, verdienen die Mühe der geistigen Auseinandersetzung über viele Monate. So sah das auch etwa die Hälfte des Jahrgangs; Vorprägungen durch den Italienaustausch und Vorstellungen von südlicher Sonne taten ein Übriges. Im Herbst 2002 fand sich die Reisegruppe zur konstituierenden Sitzung ein.

Sogleich begann ein zähes Ringen um Fahrtkosten, Kontingente und Liegewagenplätze mit der Deutschen Bundesbahn, aus dem wir letztendlich unter Einschaltung mehrerer Reiseagenturen und Call-Center als Sieger hervorgingen.

Der verbindlich festgelegte Kostenrahmen konnte eingehalten werden und wir hatten uns gleichzeitig auf unser Ziel eingestimmt: Wie jeder weiß, wetteiferten auch Griechen und Römer gerne miteinander. Herbst und Winter vergingen mit Recherche und Reflexion, die Ergebnisse waren zu präsentieren im Kreis der Teilnehmer, aber wo und wie? Da wir allesamt schon Dezennien in Schulgebäuden verbracht haben, flogen wir aus: Das Jugendheim Lenste an der Ostsee bot uns Herberge für eineinhalb Tage im zeitigen und daher noch kühlen Frühling. Am Freitag nach dem Unterricht starteten wir und begannen nach Sondierung des Terrains in Lenste



Das nächtliche Rom –
das Colosseum

(hier ist das Verschwinden eines Haggies zu verzeichnen) mit den Vorträgen, und zwar im „Kaminzimmer“, das dank tatkräftigen Besenschwingens benutzbar gemacht worden war. Unser Bemühen nach ganzheitlicher Vorbereitung der gemeinsamen Fahrt hatte zur Bildung einer Gruppe »Land und Leute« geführt; diese forderte – sehr zu Recht, wie sich herausstellte – Zeit für ihre Art der Präsentation. Serviert wurde uns ein opulentes, mehrgängiges Menü sybaritischer Dimension, das uns bis Mitternacht am langgestreckten Tisch fest hielt. Selten habe ich mit so viel Vergnügen so gut gegessen. An Referate war anschließend nicht mehr zu denken. Am nächsten Tag widmeten wir uns ausgiebigst den geistigen Genüssen, die zum größeren Teil ebenfalls opulent ausfielen. Kleine Essensbeigaben bewahrten die bemerkenswert duldsame Gruppe vor dem Verhungern.

Am 22. April bestiegen wir psychisch und physisch konditioniert den Zug Richtung München. Es leuchtete nicht, aber wir nahmen uns trotz des feinfädigen Regens Zeit für einen mehrstündigen Spaziergang. Der Nachtzug München-Neapel verließ pünktlich den Bahnhof, Liege- und Sitzwagenabteile waren bezogen und es entspann sich die übliche Diskussion um zu verteilende Teilnehmerkarten mit dem dieses Mal wenig zugänglichen Schaffner (in Rom sollte ich wissen, warum). Unsere Abteiltür ließ sich nicht verriegeln, daran sollte ich noch einige Wochen zu kauen haben. »Erleichtert« stieg ich in Rom aus dem Zug und verbrachte die ersten Stunden in der ewigen Stadt auf der Polizeiwache, derweil die Gruppe das nahe Termini gelegene Hotel bezog. Mit Hilfe der einzig verbliebenen Kreditkarte wurde die Reisekasse aufgefüllt, was angesichts der festungsartig gesicherten Bankenvestibüle erst nach mehreren Versuchen von Erfolg gekrönt war.



Übernächtigte Gruppe auf der Piazza Barberini

Das Photo auf der Piazza Barberini zeigt eine ein wenig übernächtigt wirkende Gruppe, die bereit scheint für einen erneuten Sacco di Roma, diesmal auf friedlichem Weg. An dieser Stelle zeigt sich – charakteristisch für Rom über viele Jahrhunderte – das Zusammenwirken der beiden bestimmenden Kräfte, Adel und Kirche. Aus der Familie der Barberini gingen weltliche und geistliche Würdenträger hervor, die mit ihrer Bauwut das Gesicht der Stadt so stark veränderten, dass ihnen nachgesagt wurde: „Quod non fecerunt barbaroi, fecerunt Barberini.“ Jede Zeit unterliegt ihren Moden, m.E. gibt es ästhetisch weniger befriedigende Baulichkeiten als die der Barberini. Wir folgten der Via Veneto ein kurzes Stück, und bevor wir uns dem Luxus ergeben konnten, wurden wir ernüchtert:

Die Gruft in der Franziskanerkirche zeigte eindrucksvoll, „was wir sein werden“, am Beispiel derer, die „das waren, was wir sind“. Leicht erschüttert vom frommen Schauder des Vanitas-Motivs waren wir froh über die wärmende Sonne auf dem Weg zur Spanischen Treppe, die wir nach Umrunden der Villa Medici erreichten. Von der Terrasse weitete sich zum ersten Mal der Blick über die Kuppelkirchen Roms, die Hügel und das Häusergewirr der Stadt, die auf so einzigartige Weise Kontinuität und Wandel verbindet. Wenig später gelangten wir zur Fontana di Trevi, die, angebunden an die Rückseite eines päpstlichen Palastes, barocke Sinnenfreude auf‘s Trefflichste mit modernem Geschäftssinn vereint.

Ja, die Sinne verlangten ihr Recht, die Forderung nach einem warmen Mittagessen wurde laut. Man tat sich um und staunte über das römische Preisgefüge. Pantheon und Bernini – Elefant vor Santa Maria sopra Minerva gaben Photomotive ab. Unter der Leitung der Gruppe „Brunnen und Plätze“ umrundeten wir die Piazza Navona mit der Fontana die Fiumi, den Campo dei Fiori mit dem Standbild des unglücklichen Giordano Bruno, der die Wahrheit nicht der herrschende Meinung der Kirche unterordnen wollte und dies im Jahr 1600 mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen büßen musste.

Nicht mehr ganz flotten Schrittes (auch das köstliche Eis auf dem Campo hatte nur kurzzeitig Erleichterung verschafft) beschritten wir die Via Nazionale, warfen einen Blick auf Il Gesù (geschlossen) und das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II (nicht zu übersehen, von keinem Punkt der Stadt). Der gehörnte Moses in 5. Pietro in Vincoli entzog sich uns (in restauro). Nach eines langen Tages Reise war der Abend frei zur individuellen Gestaltung. Einen Anschlag auf die „Schreibmaschine“ sollen wachsame Milizen verhindert haben.

Donnerstag war Kirchen- und Markttag: Santa Maria Maggiore, eine der vier exterritorial angesiedelten Papstkirchen, erstrahlte „schnee“ weiß im morgendlichen Sonnenlicht; Pracht und Prunk des Kircheninneren riefen zwiespältige Gefühle in der Gruppe hervor. Ein wenig bescheidener wirkte San Clemente auf die norddeutschen Gemüter, denen die üppige Selbstdarstellung katholischer Fürstbischöfe wenig vertraut ist. Der Mosaikschmuck der Apsis ließ selbst Kirchenferne nicht unberührt. Im Innenhof hätten wir gern länger verweilt, die Harmonie der Anlage teilte sich allen mit, wie sich denn auch ein Bewusstsein für die Ästhetik von Plätzen und Ensembles zu bilden begann. Durch den tosenden römischen Verkehr gelangten wir zum Colosseum, wo wir – nicht allein – auf Einlass warteten. In der riesigen Anlage verloren sich die Menschenmassen, die sich vor dem Zugang gestaut hatten, auf wundersame Weise. Hatten wir während der Vorträge den Badlantic-Vergleich noch belächelt – jetzt nötigten uns die Ausmaße und die technischen Finessen des Ovals Respekt ab: Arenen dienten und dienen in vielfältiger Weise dem Amüsement der Massen und ermöglichen – auch um den Preis des Menschenopfers – kleine Fluchten aus dem oft als beschwerlich empfundenen Alltag.



Herculaneum

Während des Rundgangs im Colosseum war durch die Bögen bereits das nächste Ziel wahrnehmbar: Das Forum, das über viele Jahrhunderte Herzstück eines Weltreiches war. Vorbei an Konstantins- und Titusbogen steuerten wir den „Fester-Tempel“ an und freuten uns am Lapsus linguae, der schon die Vortragsserie aufgelockert hatte. Das Forum erfordert Zeit und innere Ruhe, da an jedem Fleck Jahrhunderte durchscheinen, deren Fülle man bei einem einzigen Besuch fast nicht aufnehmen kann. So hat dann das Hinaufsteigen zum Kapitol etwas Befreiendes; der von Michelangelo gestaltete Platz nimmt den Wanderer auf und gibt ihm seinen inneren Halt zurück. Jedem von uns war die römische Löwin der Gründungssage in Abbildung geläufig, sie im Original zu sehen, zusammen mit einer Fülle von Portraitbüsten in hervorragender Qualität, ist eben nur in Rom möglich. Vorbei am Marcellus-Theater, das Hippodrom im Rücken, begaben wir uns auf die Suche nach der Wahrheit: Die Bocca della Verita erwies sich gnädig und schonte die Hand von Lehrer und Schülerin, was auch Verpflichtung für die Zukunft bedeutet! Santa Maria in Cosmedin, alt und ehrwürdig, beeindruckte durch ihren Kosmatenfußboden und den vorgeblich schönsten Campanile in Rom.

Auf der Tiberinsel entwirrten sich die Eindrücke des Tages ein wenig; nach angemessener Zeit zog es uns Ältere nach Trastevere „jenseits des Tibers“, dem Viertel der Handwerker und kleinen Leute, das nicht übersät ist von beeindruckenden Adelspalästen und trotz der Touristenströme einen eigenen Reiz bewahrt hat. Erinnerlich bleiben wird mir der Rückweg durch das nächtliche Rom, vorbei an den wirkungsvoll angestrahlten imperialen Bauten unterschiedlicher Epochen. Im Hotel tobte das Leben: Man übte soziales Miteinander.



Auf den Schwefelfeldern von Solfatara

Der letzte Tag war dem päpstlichen Rom gewidmet: In flotter Gangart durchmaßen wir die Viertel im Tiberbogen und erstritten uns den Zugang zum Vatikan: Alle „Waffen“ mussten abgegeben werden. Die größte Kirche der Christenheit mit all ihren Kunstschätzen fordert Respekt und Demut, das bewiesen die vielen Pilgergruppen, die den Platz vor dem Petersdom bevölkerten. Wir kämpften uns durch das Gewühl der ambulanten Händler bis zur Engelsburg und von da aus zur Piazza del Popolo; vom Pincio-Hügel aus nahmen wir zum vorerst letzten Mal die Kulisse der Stadt in uns auf. Welche Überraschung, als das schmale Budget für die Rückfahrt mit der Metro reichte!

Am späteren Nachmittag verließen wir Rom mit dem Zug Richtung Neapel. Während des Gangs zur Circumvesuviana scharten wir uns umeinander, um von „Raubattacken“ verschont zu bleiben. Die Fahrt am Golf entlang dehnte sich, es wurde sehr plötzlich dunkel. Für den Fußmarsch zum „Bleu Village“ mussten letzte Kräfte mobilisiert werden, und nach der Ankunft stürzte sich die Meute ausgehungert auf das reichlich bemessene Abendessen. In groben Umrissen nahmen wir im Halbdunkel die Anlage wahr: Inmitten von Orangenbäumen in terrassiertem Gelände gelegen störte nur der Blick auf die Bauruine am Strand, aber die rote Sonne versank jeden Abend erwartungsgemäß im Meer.



Antikes und Modernes auf engstem Raum, mitten in Rom

Pompei, weltweit bekannt und daher touristisches Muss, wies Schülergruppen den Nebeneingang zu. Durch die Wirren des Transfers ergaben sich unerwartete Erkenntnisse:

  1. Auf ein gestohlene Handy kann man keine Hilferufe weiterleiten,

  2. Polizisten im Familienvater-Alter sind menschlich,

  3. Pompei ist zu weitläufig, als dass man eine Gruppe auf eigene Faust wiederfinden könnte.

So fand die Besichtigung der Ausgrabungen in gedrückter Stimmung statt, wenn sich auch alle mühten, dem Rom der Kaiserzeit, das hier, anders als in der Hauptstadt, nicht durch spätere Bauten überlagert ist, Reverenz zu erweisen.

Nachdem wir die verlorene Tochter in die Arme geschlossen hatten, schaukelte uns die Vorortbahn zurück zum „Village“. Nach dem wiederum reichlichen Abendessen versammelten wir uns auf der Terrasse des Bungalows, hüllten uns wegen der abendlichen Kühle in Decken und hörten in kuscheliger Atmosphäre die noch ausstehenden Referate.



Blick aus der Wohnanlage „Bleu Village“ auf die Bucht von Sorrent

Neapel wirkte am Sonntag zahm und friedlich, die Garderobiere im Nationalmuseum war dies nicht: Erst nach heftigen Gefechten ließ man uns ein. Die Exponate im Museum entschädigten für die erlittene Unbill. Das Alexandermosaik, ein Höhepunkt an Dynamik und Ausdruckskraft, bestach; wertvolle Fundstücke aus Pompei bezeugten, zu welchen künstlerischen Höchstleistungen das Imperium noch im beginnenden Niedergang fähig war und welch unerhörter Luxus in der Kaiserzeit für wenige möglich war.

Nach dem Museumsbesuch wagten wir uns todesmutig ins verrufene Viertel, die taxierenden Blicke der Bewohner führten zu rascher Einsicht. Am Meer entlang wanderten wir zum Bahnhof. Es blieb Zeit für Herculaneum. Die Sommerresidenz der Reichen direkt am Strand blieb lange Zeit unter dem zähen Lavastrom unangetastet und daher noch besser konserviert als Pompei. Frappierend die Pracht einzelner Häuser, antike Bäderarchitektur in reinster Form. Die Besichtigung der Badeanlagen hatte wohl inspirierend gewirkt: Nach der Rückkehr war Strandleben angesagt, hierbei soll es zu ungewöhnlichen Anblicken gekommen sein.



Capri: Hund und Bock

Montag, Start zu früher Stunde nach Capri, mit Hunderten anderer Touristen. Die Überfahrt war angenehm, wir waren bereit für den Aufstieg nach Capri - Stadt. Während wir den Ausblick u.a. auf die vielen Boote, die zur Blauen Grotte unterwegs waren, genossen, fielen Kekskrümel zu Boden. Fortan hatten wir einen treuen Begleiter: Auf dem Plateau der Villa Jovis lieferte sich „Wolfgang“ (wie respektlos!) einen beeindruckenden Kampf mit dem stärksten Ziegenbock am Platz. Von der Villa Jovis aus hat Tiberius eine kurze Zeit das Imperium regiert. Dem Herrn über Leben und Tod fehlte jedes Maß, er weidete sich an der Abhängigkeit von Sklaven wie von Gästen und ließ Missliebige von der höchsten Klippe ins Meer stürzen. Wir entkamen in die Augustusgärten, wo wir eine Zeitlang verweilten, Eindrücke aufnahmen, uns dem Augenblick überließen. Bei der Rückfahrt tauchte die Abendsonne die Insel in milchiges Licht. Die Nacht zum Dienstag soll lang gewesen sein. Erst am Morgen erfuhren wir von den Vorkommnissen der Nacht und erahnten die Hintergründe der vermeintlichen Idylle: Dank der guten Kontakte des Betreibers der Anlage zur örtlichen Polizei waren die Verluste im Rahmen geblieben (obwohl man Olivenkekse nicht überall kaufen kann).

Der Bus zum Vesuv erwartete uns alla Madonna, allein, es war noch viel zu erledigen, z.B. das Kochen von Spaghetti anstelle eines konventionellen Frühstücks und die Suche nach Säumigen. Schließlich waren wir vollzählig, sogar mit Gepäck. Der Vesuv fordert die Übernächtigten heraus, doch das Erlebnis am Kraterrand entschädigt für die Strapazen. Der Blick in den Krater ruft Assoziationen zu Dantes Inferno hervor, das am Golf ist von Menschenhand gemacht: Zersiedelung und Luftverschmutzung belasten, können aber nicht vollständig zerstören. So gewappnet wagen wir uns in die Solfatara, auch beeindruckend, aber nichts für empfindliche Nasen. Baiae, eine Bäderanlage erstaunlichen Ausmaßes ist unser letztes Ziel. Am Bahnhof in Neapel steigen wir unter Lebensgefahr verbotswidrig aus dem Bus, erreichen pünktlich den Nachtzug nach München und sind am Nachmittag des Folgetages wieder in Bargteheide. Viele Wochen später erreicht mich ein Briefumschlag abgesandt in Sizilien, der einige persönliche Dinge und einen Zettel mit folgender Aufschrift enthält:


Das tue ich, Giuseppe!

Hildegard Steil-Ströhmann   im April 04