Max Frisch, Biografie


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Theater: Max Frisch


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Max Frisch, Biografie: Ein Spiel



Am 7. und 8. Juni 2006

um 19.30 Uhr

Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten

Rezension


Die Aufführung des selten aufgeführten Stücks Biografie – ein Spiel von Max Frisch ist der Theatergruppe unter der Leitung von Frau Fluhr-Leithoff hervorragend gelungen. Die Besonderheit der Inszenierung bestand in der Offenheit und in der Einbeziehung des Publikums in das Bühnengeschehen. Die zahlreichen Nebenrollen, die der Hauptperson Herrn Kürmann aus seinem Leben noch einmal begegnen durften, saßen aufgereiht auf der Bühne.

Wenn Herr Kürman glaubte, er müsse ihnen wieder begegnen, wurden sie „geholt“ und legten auf der Bühne ihre Requisiten an, welche auf einem großen Tisch sichtbar für das Publikum lagen. Wie zum Beispiel die Schürze der Haushälterin oder das Geburtstagsgeschenk in Form eines Fahrrades. So war der Umstand nicht schlimm, dass die ausschließlich weiblichen Nebendarsteller mehrere Rollen spielten. Für das Publikum gab es heitere wie tragisch-komische Momente und das Ende war für jeden wohl eine positive Überraschung mit negativem Beigeschmack. Denn zuerst war man erleichtert, dass Herr Kürman nun doch nach vergeblichen Versuchen sein Leben ein zweites Mal ohne Antoinette leben kann, andererseits wurde dem Publikum auch gezeigt, dass man fast nichts alleine ändern kann, weil man bleibt wie man ist und es immer auf das gleiche hinausläuft.

Leider wurden beide Vorstellungen, für die zwei Jahre geprobt wurde, nicht besonders zahlreich besucht.

Friederike Drews , 12. Jg., 29.6.2006




Mitwirkende


Hannes Kürmann Tom Eckelmann (12)
Antoinette Stein Annika Otto (10c)
Spielleiter Tim Tiedemann (Abiturient 2005)
Rotz Tania Schulze (12)
Helen Aleksandra Stanczak (12)
Rektor Ann-Kathrin Ulbrich (12)
Thomas Aleksandra Stanczak (12)
Katrin Tania Schulze (12)
Frau Hubalek/Pina Ines Hegenbart (12)
Mutter Janina Cordt (12)
Vater Ines Hegenbart (12)
Krankenschwester Ann-Kathrin Ulbrich (12)
Ärztin Andrea Schulz (12)
Krolevsky Janina Cordt (12)
Kellner Aleksandra Stanczak (12)
Ballettlehrerin Andrea Schulz (12)
Pfarrer Ines Hegenbart (12)
Hornacher Ann-Kathrin Ulbrich (12)
Agent Tania Schulze 12)
Dr. Funk Aleksandra Stanczak (12)
Sprecherin Christine Nolte (12)
Beleuchtung Tristan Schröder (7c)
Regine Fladung (11a)
Sarah Morell (11b)
Leitung Birgit Fluhr –Leithoff


Wir bitten um Spenden für ein Projekt zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Dies wird engagiert von ehrenamtlichen Mitarbeitern und von Schülerinnen und Schülern in Ahrensburg betrieben. Da der Verein nicht kommunal, sondern privat getragen wird, ist er auf Spenden- und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Die Initiatorin, Frau Vardar-Peters, wird anwesend sein und kurz berichten.




Max Frisch, Biografie. Ein Spiel

„Was wäre, wenn man sein Leben noch einmal ändern könnte?“ Schnell werden viele auf diese hypothetische Frage antworten, dass man vieles ganz anders machen würde.

Hannes Kürmann, dessen Name schon darauf hinweist, dass er die freie Entscheidung der Kür haben wird, erhält noch einmal die Chance, sein Leben ganz anders zu gestalten. Ein Spielleiter steht ihm zur Seite und ermöglicht ihm immer wieder eine Option der nochmaligen Wahl. Vorrangig ist Kürmann daran interessiert, die Ehe mit seiner Frau Antoinette zu vermeiden. Aber alle seine Versuche schlagen fehl, weil es ihm nicht gelingt, sich anders zu verhalten, obwohl er um die Katastrophen seines Lebens weiß.

Max Frisch nennt diese mangelnde Flexibiliät banal.
In seinem Tagebuch notiert er im April 1967 unter dem Vermerk „Zum Stück“:

„Tatsächlich sehen wir, wo immer Leben sich abspielt, etwas viel Aufregenderes: Es summiert sich aus Handlungen, die zufällig bleiben, es hätte immer auch anders sein können, und es gibt keine Handlung und keine Unterlassung, die für die Zukunft nicht Varianten zuließe. Der einzige Vorfall, der keine Variante mehr zulässt, ist der Tod. Wird eine Geschichte dadurch exemplarisch, dass ihre Zufälligkeit geleugnet wird? Es geschieht etwas, es kann verschiedene Folgen haben oder keine, und etwas, was ebenso möglich wäre, geschieht nicht; eine Gesetzmäßigkeit, die sich erkennen lässt für die große Zahl, hat Wahrscheinlichkeitswert, aber nicht mehr, und was geschieht, bedeutet nicht, dass mit den gleichen Figuren nicht auch ein anderer Spielverlauf hätte stattfinden können, eine andere Partie als diese, die Geschichte geworden ist, Biografie oder Weltgeschichte. (...)“ Und obwohl Kürmann diese Einsicht hat, gelingt es ihm nicht, eine andere Entscheidung für sein Leben herbeizuführen — er leugnet die Existenz einer schicksalhaften Notwendigkeit und dennoch verhält er sich so, als ob seine Biografie vorherbestimmt sei. Die Bühne eröffnet ihm nun einen Raum, der einlädt zum Experimentieren mit verschiedenen Varianten des Verhaltens. Noch einmal Max Frisch dazu in seinem Tagebuch von 1968:

„Die einzige Realität auf der Bühne besteht darin, dass auf der Bühne gespielt wird. Spiel gestattet, was das Leben nicht gestattet. Was zum Beispiel das Leben nicht gestattet: dass wir die Kontinuität der Zeit aufheben; dass wir gleichzeitig an verschiedenen Orten sein können; dass sich eine Handlung unterbrechen lässt… und erst weiterläuft, wenn wir ihre Ursache und ihre möglichen Folgen begriffen haben; dass wir eliminieren, was nur Repetition ist usw. In der Realität können wir einen Fehler, der stattgefunden hat, zwar wieder gutmachen durch eine spätere Tat, aber wir können ihn nicht tilgen, nicht ungeschehen machen; wir können für ein vergangenes Datum kein anderes Verhalten wählen. Leben ist geschichtlich, in jedem Augenblick definitiv, es duldet keine Variante. Das Spiel gestattet sie.“

Das wird im Spiel deutlich gemacht. Die verschiedenen Personen in Kürmanns Leben werden demonstrativ von Schauspielern übernommen, die für die Reflektion und Variation einer Lebenssituation zur Verfügung stehen. So bleibt Max Frisches großes Thema, die Identitätssuche des Menschen, von bestechender Aktualität, auch wenn der Handlungsrahmen des Stücks ganz klar von den 60er Jahren geprägt ist. Was wäre, wenn…?


Birgit Fluhr-Leithoff, 8.6.2006