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Einschätzung des diesjährigen 13. Jahrgangs 2003/2004

Ein Deutschlehrer bezieht Stellung

Im Vergleich mit zahlreichen Vorgängern, die ich über eine Zeit von 30 Jahren als Lehrer an diesem und zuvor anderen Gymnasien Schleswig-Holsteins erlebt habe, zeichnet sich dieser Abschlussjahrgang – soweit ich ihn wahrnehmen konnte bzw. mit ihm zu tun habe – durch Freundlichkeit, Offenheit und Diskussionsbereitschaft aus. Ich gehe dabei natürlich vor allem von den Schülern meines Deutsch-Grundkurses aus, ohne die Schüler auszuschließen, die ich z. T. aus früheren Unterrichtsjahren kenne oder über Blickkontakt. Darüber hinaus zeigte sich bei einigen Schülern repräsentativer Teamgeist und Freude an Darstellung und Auseinandersetzung in kursübergreifenden Projekten wie einer Aufführung der „Physiker“, die genauso unter Federführung von Mitgliedern dieses Jahrgangs stattgefunden hat wie die zur Zeit in Angriff genommene Aufführung der „Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht. An der Aufführung der „Physiker“ habe ich als Zuschauer teilgenommen und wenn es so ist, wie mir Frau Fluhr-Leithoff, die Betreuerin dieser Projekte, sagte, dass Stückauswahl und Gestaltung allein durch die Schüler erfolgte, weitet sich das Auge im Blick auf deren Leistungsmöglichkeiten.

Die Art der suggestiven Aneignung von Rollen allerdings und der über sie ausgetragenen Konflikte zur Hervorbringung einer darüber entstehenden Idee im theatralischen Spiel ist das eine, das andere ist die methodisch-analytische Erarbeitung von Zeichensystemen, in meinem Fall im Deutschunterricht. Und hier muss ich Folgendes sagen: Die Methodik der analytisch entwickelnden Deutung von Texten nach den darin gesetzten Zeichen dient dazu, das zu vermeiden, was wir als Fehlurteil beklagen – nicht nur bei der Interpretation von Texten. Wer einen Text falsch interpretiert, würde als Richter in einem anderen Zusammenhang vielleicht einen Unschuldigen zum Tode verurteilen oder ungerecht bestrafen, umgekehrt einen Verbrecher laufen lassen.

Da die meisten Fehlurteile aus einer falschen Annahme über den zu beurteilenden Gegenstand erfolgen, gilt es ein System zu finden, das die Fehlermöglichkeiten verringern, wenn auch nicht ganz ausschließen kann. Ein Gericht stützt sich auf die Auswertung von Akten und Beweismaterial und eine angemessene Befragung von vorhandenen Zeugen unter dem verschiedenen Blickpunkt der Parteien und der sie vertretenden Anwälte. Ein zu beurteilender Text bietet viele Zeugen, die genauestens zu befragen sind, die sich verstellen, manches verschweigen und die deshalb nicht nur auf ihre Aussage an sich, ihre logische Stimmigkeit, ihr Zusammenstimmen mit anderen Aussagen von Zeugen, sondern auf ihr Verhalten, Veränderungen von Gesichtszügen, der Stimme usw. beobachtet werden müssen, wie es auch ein guter Arzt oder Psychologe tut.

Sind die Schüler dieses Jahrgangs nun gute Richter, Ärzte oder Psychologen, sind sie gute Interpreten? Ich sage, noch nicht. Sie brauchen der Anleitung, der Führung. So diskussionsbereit sie sind, so ungeduldig sind sie noch, sie wollen zu schnell zum Ergebnis, sie machen sich zu schnell ein Bild, ein Zeuge reicht ihnen, vielleicht ein zweiter und schon wollen sie nur noch hören, was ihrem Bild entspricht. Sie sehen von sich aus noch zu wenig auf die Bedingungen, aus der eine Aussage erfolgt, hören zu wenig auf den Klang, vermögen das Verhalten nicht genügend einzuschätzen, lassen sich von Anzeichen blenden. So sehr sie bereit sind, sich selbst in eine Person oder Situation hineinzuversetzen, so sehr unterliegen sie der Gefahr, sich dabei nur selbst zu erleben, eigene Vorstellungen zu projizieren. Das teilen sie sicher mit vielen anderen Menschen jeglichen Alters und in vielen Bereichen reicht es hin, Menschen allein zum Handeln zu bewegen, ob mit guter oder schlechter Rhetorik, richtigen oder falschen Argumenten. Ist das Ziel erreicht, fragt man wenig nach dem Weg. „Vor Gericht kannst du kein Recht erwarten, aber ein Urteil“, heißt es landläufig. Bei Verkaufs- oder Pachtverträgen ist Regressanspruch meist ausgeschlossen, gekauft wie besehen, heißt es. Ich hoffe, dass unsere Schüler weder schlechte Kauflaute noch schlechte Kunden, weder schlechte Richter noch Anwälte, dass sie, was sie auch tun, Schauspieler oder Redner in einem guten Sinne, aufmerksame Mitmenschen werden. Aber eins muss ich auch sagen. Die Schüler sind fair, sie erkennen eigene Fehler an und tragen anderen ihre, soweit ich es aus meiner Erfahrung sagen kann, nicht nach. So sehr sie sich manchmal vergallopieren, so wenig sie sich meist hinsetzen, um an der Vermeidung von Fehlern zu arbeiten – und Fehler kann man nur vermeiden lernen, wenn man sich dem Risiko aussetzt, sie zu machen: Sie sind einsichts- und veränderungsfähig, wenn sie auch manchmal nicht die Kraft oder die Zeit finden, dies auch zu tun. Man könnte auch sagen, sie sind vielfach faul. Aber auch dies haben sie sicher mit vielen anderen gemein und solange sie dies erfolgreich ändern können, ist alles offen.

Hartmut Heitmann 13.4.2004

Leidensbericht der Abiturienten 2004
Das Märchen der 43 Zwerge
→ Abizeitung 04
Einschätzung des diesjährigen 13. Jahrgangs 2003/04 (H. Heitmann)